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Von Null auf 100 in 10 Jahren

Oswald Werle, CEO inet-logistics GmbH

Was vor 10 Jahren mit einer Diplomarbeit begann, ist heute ein Unternehmen mit 100 Mitarbeitern. Oswald Werle hat mit inet ein IT-Unternehmen gegründet, das führenden Unternehmen hilft, Kosten und CO2-Emissionen zu reduzieren. Jetzt geht der nächste Schritt Richtung Internationalisierung.

(Vorarlberger Nachrichten 05.2011)

Während Ihres Studiums sind Sie auf IT-Dienstleistungen übers Internet gestoßen – wie entsteht aus einer Diplomarbeit ein Unternehmen?
Damals war das Thema "Software as a Service" (SaaS) bei uns noch völlig unbekannt. SaaS bedeutet, dass Software und IT-Infrastruktur von einem externen Dienstleister betrieben und dem Kunden übers Internet angeboten werden. Während meines Studiums in Berkeley in den USA hatte ich die Chance, die Bedeutung des Internets für Unternehmen schon zu erleben, als dies bei uns noch sehr verhalten gesehen wurde. Nachdem mein Bereich die Logistik war, habe ich natürlich überlegt, wie man das Internet in diesem Bereich nutzen könnte.

Sie haben ein völlig neues System für Transportmanagement entwickelt?
Die Kernidee war, Logistik-Prozesse mit dem neuen Medium Internet zu optimieren. Wir bieten heute weltweit Transportmanagementsysteme (TMS) an, um den Transport zwischen Versender, Empfänger und Spediteur zu optimieren. In der Transportabwicklung können über unsere System LKWs voll beladen und die Routen ideal geplant werden - das führt dazu, dass Kosten und CO2-Emissionen sinken. Das ist der Mehrwert unseres Systems.

Welche Kunden nutzen Ihre Dienstleistungen?
Das sind meist große, global agierende Unternehmen mit bis 500 Millionen Transportkosten im Jahr. Hier zeichnet sich ein neuer Trend bei unseren Kunden ab. Mitbewerber, etwa in der Lebensmittelbranche, überlegen bereits gemeinsame Transportlösungen über unsere Systeme, um damit im wahrsten Sinne des Wortes "leere Kilometer" zu vermeiden. Dieses Verantwortungsgefühl gegenüber der Gesellschaft haben mittlerweile viele Unternehmen – Umwelt und Kostenreduktion sind wichtiger als Konkurrenzdenken.

Wie ist das, wenn man von der Theorie der Diplomarbeit in ein Start-up springt?
Das Wesentliche am Anfang ist die Verfügbarkeit von entsprechendem Kapital – was dank der Beteiligung von Gebrüder Weiss vorhanden war. Das zweite ist, dass man eine Idee - die am Anfang sehr komplex war – verständlich erklären kann und es schafft, die Leute dafür zu begeistern. Denn bekanntlich sind die Idee selbst nur fünf Prozent, die restlichen 95 Prozent stammen aus harter Arbeit von verschiedenen Köpfen. Die erste Wachstumsphase – die sehr stark geprägt ist von Kreativität, kundengetriebenen Entwicklungen sowie Chaos und sehr vielen Lernprozessen – haben wir nun hinter uns.

In welcher Phase befinden Sie sich aktuell?
Vor zwei Jahren ist es uns gelungen, eine klare Markt- und Produktstrategie für inet zu definieren. Wir haben uns entschieden, global zu agieren - diese Positionierung bildet den Grundstein für unsere zweite Wachstumsphase. Wir möchten uns bis 2015 verdoppeln und in weiteren fünf Jahren erneut um 100 Prozent wachsen. Im Zuge der Internationalisierung stellte sich dann die Frage: Wer geht nach Asien oder nach Südamerika? Und es ist erstaunlich schwierig hier in Vorarlberg dafür Leute zu begeistern. Wir haben aber Entwickler gefunden, die mit nach Asien gehen - die große Herausforderung ist aber Managementkapazität für andere Kontinente zu finden.

Warum haben Sie sich entschieden, selber nach Asien zu gehen?
Ich denke, dass jemand voraus gehen muss. Ich werde daher diesen Schritt wagen und im August mit meiner Familie für drei Jahre nach Thailand übersiedeln, um vor Ort unsere Aktivitäten in Asien weiterzuentwickeln. Wir haben dort bereits vor einem Jahr eine Firma gegründet und beschäftigen mittlerweile 10 Mitarbeiter. Mein Kollege Wolfgang Erhart, der von Anfang an beim Aufbau von inet dabei ist, leitet nun inet Europa, unterstützt von hervorragenden Mitarbeitern, die teilweise ebenfalls mit dem Unternehmen gewachsen sind.

Warum ist die Internationalisierung für Sie so wichtig?
Im Vordergrund steht die bessere und weltweite Betreuung von Bestandskunden. Das heißt, wir begleiten unsere Kunden in die Internationalisierung. Die meisten großen Firmen haben Niederlassungen in Brasilien, den USA oder in Asien und wollen auch dort das System einsetzen, das wir ihnen hier anbieten. Der zweite Grund basiert auf meiner ganz persönlichen Meinung, dass Europa wirtschaftlich und politisch auf sehr schwierige Zeiten zugeht und deshalb weitere Standbeine im Ausland strategisch wichtig sind. In Europa haben wir einen hohen Grad an Wohlstand erlangt, der natürlich sehr erfreulich ist, auf der anderen Seite leider aber teilweise auch lähmend wirkt.

Sie sehen den wirtschaftlichen Motor der Zukunft in Asien?
Asien ist in einer starken Wachstumsphase - das zeigt eine einfache Rechnung: Der Kontinent hat bald eine Bevölkerung von 4 Milliarden - wenn davon nur 10 Prozent zum Mittelstand aufsteigen, dann bringt das in relativ rascher Zeit ein Kaufkraftpotenzial von 400 Millionen Menschen. So eine Entwicklung ist in Europa oder Amerika gar nicht möglich. Dazu kommt die hohe Verschuldung der westlichen Staaten, die ich persönlich sehr kritisch sehe. Auf Kredit zu leben ist privat nicht gut und auch für eine Volkswirtschaft nicht empfehlenswert. Der dritte Grund, warum ich auf Asien setze, sind die hier fehlenden qualifizierten Mitarbeiter. In Vorarlberg werden zum Beispiel viel zu wenig Informatiker ausgebildet – und das hemmt natürlich unser Wachstum.

Wie kann es sein, dass man in einem hochentwickelten Land wie Vorarlberg zu wenig Informatiker findet?
Es gibt in Vorarlberg aus meiner Sicht bedenkliche Entwicklungen, gerade auch in Bezug auf die Studienrichtungen an der Fachhochschule. Der Informatikzweig wird zu wenig vermarktet, um junge Menschen für das schwierige technische Studium zu begeistern. Ich glaube es ist nicht gut für Vorarlberg als Wirtschaftsstandort, wenn wir nur wenige Informatiker am Arbeitsmarkt anbieten können.

Wie kann man junge Menschen für technische Ausbildungen wie Informatik interessieren?
Ich glaube, das ist in erster Linie ein volkswirtschaftliches und politisches Thema. Wenn erkannt wird, was wir brauchen, kann das folglich entsprechend gefördert werden. Wir müssen in einem hoch entwickelten Land wie Vorarlberg der Zeit immer einen Schritt voraus sein. Wenn wir erst dann etwas anbieten, wenn es bereits nachgefragt wird, dann ist es einfach zu spät. Wenn wir jetzt anfangen zusätzliche Informatiker auszubilden, dann dauert das fünf Jahre und diese Zeit haben wir nicht. Meiner Meinung nach hat die Politik und die gesamte Bildungslandschaft die Verantwortung gemeinsam mit der Wirtschaft verstärkt in Richtung Wissensarbeiter zu denken.

Sie sind ja praktisch der Erfinder dieses TMS. Haben Sie viele Mitbewerber?
Wir haben sehr früh die Internettechnologie mit Logistik und TMS in Verbindung gebracht und es gibt europaweit keinen Anbieter, der das so macht wie wir. Das wurde uns vom Chefanalyst der Gartner Group bestätigt. Von Gartner ist mittlerweile auch eine Trendstudie erschienen, die "Software as a Service" als bevorzugtes Modell bestätigt. Was mich besonders freut ist die Tatsache, dass wir gegen Softwaregiganten wie SAP und Oracle kämpfen und oft auch gewinnen.

Wenn man nun bedenkt, wie oft es schon in einem „normalen“ Unternehmen IT-Probleme gibt, was machen Sie anders, damit bei Ihnen alles funktioniert?
Wir verstehen uns als Hochzuverlässigkeitsorganisation. Dahinter steckt ein anderer Anspruch als z.B. bei einem Buchhaltungsprogramm. Wir sind uns bewusst welchen Vertrauensvorschuss wir von unseren Kunden bekommen und wir möchten diese natürlich auf keinen Fall enttäuschen. Unsere Systeme sind mehrfach abgesichert und somit werden die Ausfälle minimalst gehalten.

Schlafen Sie immer gut mit dieser riesigen Verantwortung?
Erstaunlicherweise schlafe ich sehr gut. Ich bin als Person sehr neugierig. Ich bin jemand, der Mut hat etwas Neues zu machen und grundsätzlich sehr positiv denkt. Ich glaube am Anfang immer, dass am Ende alles gut heraus kommt. Mein Leitspruch ist: Es ist nichts so schlecht, dass es nicht auch für etwas gut ist.

Danke für das Gespräch.

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